Wer im Jahre 1980 die untere Mühlenstraße passierte, konnte
fast täglich die Baufortschritte der Sanierung des alten Zolln mitverfolgen.
Ein weiteres Stückchen des alten Lübeck wurde wiederhergestellt, der alte
Zolln oder wie er schon 1589 im Niederstadtbuch genannt wurde de olde Tollbode”.
Erst Zollhaus, dann die Herberge des Zöllners für das nahegelegene Mühlentor
und schließlich Kneipe, waren dem Haus die Spuren der Zeit innen und außen
deutlich anzusehen. Es sollte sogar abgerissen werden und einem Bürohaus
weichen. So bedurfte es einiger Anstrengung um den alten Zolln wieder
entsprechend herzustellen. Schließlich ist er allein übriggeblieben von der
alten Mühlentoranlage, die 1861 abgerissen wurde. Schon damals, etwa zur
gleichen Zeit, als auch das äußere Holstentor fallen mußte, erhielt der Zolln
zur Mühlenstraße ein neues Gesicht, zeitgemäß mit einer klassizistischen
Aufteilung. Die Fassade zur Mauer mit dem alten Renaissance -Treppengiebel aus
dem 16. Jahrhundert blieb unverändert. Irgendwie gelangte damals eine
Terrakottafigur (genannt der wilde Mann) aus dem äußeren Holstentor über die
Eingangstür des Zolln. So entstand ein Eckhaus mit zwei Fassaden aus
verschiedenen Epochen und einer für das Stadtbild typischen Terrasse, oder laut
Grundbuch Freisitz, auf der man noch heute beim Bier dem geschäftigen Treiben
der Mühlenstrasse zusehen kann. Fast alle Häuser in der Mühlenstraße hatten
grün bewachsene Vorgärten, die erst im letzten Jahrhundert den Verkehrsmaßnahmen
und dem Ausbau der Mühlenstraße weichen mußten. Damals waren es
Pferdefuhrwerke, die das Mühlentor passierten und in der Mühlenstraße reihte
sich eine Kneipe an die andere, von denen nur noch der alte Zolln übriggeblieben
ist. Ehemals Gastwirtschaft mit Ausspann bot er dem Reisenden, der auf der alten
Salzstraße lübsches Stadtgebiet betrat, Gelegenheit zur Rast und Erholung und
dem Lübecker die Möglichkeit die neusten Nachrichten zu erfahren. Aus
dieser Zeit datiert auch das

Wandgemälde des reisenden
Dresdner Malers Schaberschul, der wie damals üblich das Bier
"abarbeitete". Das Wandbild wurde im Laufe der Zeit mit Tapeten
zugekleistert, bis es die, am Triumpfkreuz im Dom arbeitenden Restauratoren Oess
und Mersch 1977 mit Zahnbürste und Skalpell fachgerecht freilegten und Clara
von Engelhardt es nach 22 weiteren Jahren auffrischte.
In der Tradition der Lübecker Wandmalereien schuf Ilhan Kehki das 42,25 m² große
Wandbild am Treppenaufgang. Zollngäste und Bekannte kleidete er in typische
Trachten aus dem 16.Jahrhundert und verbindet so das historische Motiv mit einem
aktuellen Bezug. Nur ein Gegenstand dieser Malerei paßt nicht in die damalige
Zeit.
Dagegen ist das dritte
Wandbild voll aus dem Leben des Zolln gegriffen. Auf die ihm eigene
humoristische direkte Art gelang Matthias Kahl eine Momentaufnahme des Zolln im
Jahre 1994.
Unverändert ist der Zolln ein Treffpunkt geblieben.
Zugereiste und Durchreisende mischen sich mit Lübeckern und beim Bier kommt
manch interessantes Gespräch zustande, auch wenn es den alten Lübecker Brauch,
einen kostenlosen Köm zum ersten Bier zu erhalten, nicht mehr gibt.
Aber auch ohne diesen
Anheizer ist für gute Stimmung gesorgt. Diejenigen die man treffen will, findet
man hier und nicht selten spielt einer Gitarre oder Klavier. Selbst klassische
Musik in der Kneipe ist neben Jazz und Swing kein Stilbruch. So ist der alte
Zolln im inneren und äußeren nie ein neuer Zolln geworden, er ist die alte Lübecker
Kneipe geblieben, die mehr ist, als nur eine Kneipe.
Alte Bilder oder Geschichten von und um den alten Zolln werden nicht nur gegen
ein Bier mit Köm "eingetauscht".